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Verantwortung, Ohnmacht und Schuld

von | 11. März 2021 | Blog | 0 Kommentare

Brigitte Hartung-Gremm

Psychosynthese-Therapeutin
Mediale Beraterin & Coach

Verantwortung, Ohnmacht und Schuld

Ja, klar, übernehme ich Verantwortung für mich, für meine Familie, meine Freunde, Nachbarn, die Welt… Aber, wo ist die Grenze? Habe ich versagt, wenn ich zusehe, wie anderen Leid angetan wird? Habe ich versagt, wenn ich aus Angst um mich meine Stimme nicht erhebe und laut „Halt!!“ sage? Woher weiß ich, ob meine Hilfe nicht grenzüberschreitend ist? Wie kann ich meine eigene Grenze besser wahrnehmen, erst mir zu helfen damit ich klarer sehen kann und dann für den anderen da zu sein? Wie komme ich aus der Sprachlosigkeit in dieser Zeit heraus? Sprachlos zu sein heißt auch untätig zu sein. Ich finde keine Worte, ich erlaube in der Ohnmacht nicht, dass die Worte mich finden, und somit bin ich untätig, nicht in der Lage, Wege zu finden, Wege zu gehen. Ich bleibe einfach sitzen, unbeweglich in der Hoffnung, dass irgendwann alles wieder gut sein wird. Gut sein wird, so wie es früher war. Aber war es wirklich gut?


Wie kann ich es aushalten, wenn ich zusehen muss, dass andere auf dem falschen Weg sind, verlernt haben, genau hinzuschauen und ich keinen Einfluss habe, ihnen den richtigen Weg zu zeigen. Und woher nehme ich die Sicherheit, dass der Weg, den ich sehe, der richtige ist? Was ist, wenn sie den Weg, den ich sehe und den ich ihnen empfehle zu gehen sich als falsch erweist? Spürst du die Last, die Verantwortung machen kann? Auf deinen Schultern, deinem Rücken, im Kopf – „es ist psychosomatisch“ würde der Arzt sagen, „haben Sie Stress? Nehmen sie nicht alles so schwer, entspannen sie sich! Oder soll ich Ihnen etwas aufschreiben?“


Nein, Psychopharmaka helfen da natürlich nicht, es geht um ein Aufbegehren und Loslassen gleichzeitig, ich will und ich muss nicht, aber meine Tränen, meine Trauer um das unglaubliche Leid, das Menschen anderen Menschen zufügen, körperlich und psychisch, dieses endlose Gerangel und Gemetzel um Macht, Besitz und Energie, die körperliche Schmerzen verursachende Gier im anderen zu sehen, die Gier: ich bin stärker und besser als du, ich habe mehr und ich bin mehr als du – und ich muss es dir zeigen, du musst es fühlen, damit ich mich besser fühlen kann! Ich brauche dein Leid, damit ich mich stark und gut fühlen kann, auf jeden Fall besser als du.


Mir fällt eine Geschichte ein, die ich vor vielen Jahren gelesen habe. Eine Kindergärtnerin beobachtete einige Kind, die im Garten Ameisen mit den Fingern zerdrückten und es ihr stolz zeigten, schon die vierjährigen fühlen Macht! Die Erzieherin zeigte sich ihnen unbeeindruckt und sagte: „Ja, das kann jeder. Und jetzt macht sie wieder lebendig.“ Und die Kinder verstanden …


Kann es eine neue friedlichere Erde geben, mit mehr Liebe und Mitgefühl? Was kann mein Anteil sein? Ich erkenne, wie ich aus Angst und Schwäche im Machtkampf war, mal als Opfer, mal als Täter, und ich erkenne, dass das Opfer genau soviel Macht hatte, wie der Täter, ich erkenne, dass das Opfer nicht besser war, als der Täter, ich sehe die Schuld und die Scham in mir, und ich lasse los, gehe raus aus dem Machtspiel, dem Machtkampf, dem Leben auf viel zu kleinen Kindergartenstühlchen, denn da sind die eigentlichen Ursachen für Rückenschmerzen. Ich erlöse die Fehler der Vergangenheit in mir, erlöse die Schuldzuweisungen an andere, die scheinbar für mein Leid verantwortlich waren, und ich erlöse die Schuld und die Scham in mir, für die vielen Fehlentscheidungen und das Leid, das ich wissentlich und unwissentlich anderen angetan habe. „Hätte ich es anders gewusst, hätte ich es getan“. Und ich entbinde die anderen davon, mir zu vergeben, denn letztendlich kann ich es nur selber tun, in Verantwortung für mich und die anderen. Für ein erwachsenes Leben in Freiheit. Und der Frieden und die Weisheit fließen in die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, das ist Heilung für mich und für alle!

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